Samstag, Jänner 17, 2026

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Werkstätten der Antike und Gräber daneben: Ein neuer Blick auf das Leben im westlichen Nildelta

Staubige Hügel, flache Felder, dazwischen die Kanäle des westlichen Nildeltas: Auf den ersten Blick wirkt die Landschaft unscheinbar. Doch unter der Oberfläche verbarg sich über Jahrhunderte ein dichtes Geflecht aus Arbeit, Handel und Tod. Archäolog:innen haben nun bei Kom Al-Ahmar und Kom Wasit in der heutigen Beheira-Provinz ein Areal freigelegt, das diese Verflechtung greifbar macht – mit über 2.000 Jahre alten Werkstätten und einer römischen Nekropole unmittelbar daneben.

Die Entdeckung geht auf eine gemeinsame ägyptisch-italienische Mission der Universität Padua und des Supreme Council of Antiquities zurück. Sie erlaubt seltene Einblicke in den Alltag des westlichen Deltas, einer Region, die oft im Schatten von Alexandria und den großen Tempelzentren des Niltals steht. Dabei zeigt sich: Hier wurde nicht nur gelebt, sondern im großen Stil produziert.

Fotocredit: Egyptian Ministry of Tourism and Antiquities

Im Zentrum der Grabung steht ein massives Gebäude, unterteilt in mindestens sechs Räume. Zwei davon waren offenbar ganz der Fischverarbeitung gewidmet. Fast 9.700 Fischknochen belegen eine intensive, wohl organisierte Produktion von gesalzenem Fisch, einem Grundnahrungsmittel und begehrten Handelsgut der Antike. Gesalzener Fisch ließ sich lagern, transportieren und exportieren; er war Teil eines mediterranen Wirtschaftssystems, das von lokalen Werkstätten bis zu Fernhandelsnetzen reichte.

Die übrigen Räume erzählen von handwerklicher Vielfalt. Hier wurden Metall- und Steinwerkzeuge gefertigt, daneben fanden sich Spuren der Produktion von Fayence-Amuletten. Besonders aufschlussreich sind mehrere unfertige Kalksteinstatuen und Objekte in unterschiedlichen Arbeitsstadien. Sie zeigen, dass hier nicht nur einfache Massenware entstand, sondern dass Bildhauer und Handwerker vor Ort produzierten – vermutlich für regionale Märkte, vielleicht auch für weiter entfernte Abnehmer.

Fotocredit: Egyptian Ministry of Tourism and Antiquities

Importierte Amphoren und Fragmente griechischer Keramik deuten darauf hin, dass die Werkstätten spätestens im 5. Jahrhundert v. Chr. in Betrieb waren. Das westliche Delta erscheint damit als aktiver Knotenpunkt zwischen Ägypten, der Ägäis und dem zentralen Mittelmeerraum. Produktion und Austausch gingen hier Hand in Hand.

Unweit dieses industriellen Areals stießen die Forschenden auf einen ganz anderen, aber eng verbundenen Bereich: eine römische Nekropole. Die Gräber zeigen drei grundlegende Bestattungsformen. Es gibt einfache Erdgräber, Bestattungen in Keramiksärgen und Kindergräber, bei denen große Amphoren als Behältnisse dienten. Diese Vielfalt verweist auf soziale Unterschiede, aber auch auf flexible Bestattungstraditionen, wie sie für die römische Kaiserzeit in Ägypten typisch sind.

Fotocredit: Egyptian Ministry of Tourism and Antiquities

Insgesamt konnten die Überreste von 23 Menschen geborgen werden – Männer, Frauen, Kinder und Jugendliche. Bioarchäologische Analysen laufen derzeit, um Alter, Geschlecht, Ernährung und Gesundheitszustand genauer zu bestimmen. Erste Ergebnisse zeichnen ein überraschend positives Bild: Es gibt keine klaren Hinweise auf schwere Krankheiten oder gewaltsame Verletzungen. Offenbar lebten viele der hier Bestatteten unter vergleichsweise stabilen Bedingungen, ein Befund, der gut zu einer Region passt, die von Produktion und Handel profitierte.

Einige Funde stechen besonders hervor. Dutzende vollständig erhaltene Amphoren geben Einblick in Transport und Lagerung von Waren. Ein Paar filigraner Goldohrringe, vermutlich der Besitz eines jungen Mädchens, erinnert daran, dass selbst in einer Arbeits- und Produktionslandschaft persönliche Schmuckstücke und individuelle Lebensgeschichten ihren Platz hatten. Die Objekte wurden inzwischen in das Ägyptisches Museum Kairo überführt, wo sie konserviert und weiter untersucht werden.

Andreas Zommer
Andreas Zommerhttps://www.antike.at
Andreas Zommer ist studierter Historiker, Politikwissenschaftler und Publizist.

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