Hoch über der Mittelmeerküste, rund 20 Kilometer östlich von Alanya, liegt die antike Stadt Syedra. Lange galt sie als eher unauffällige Siedlung im Schatten größerer Zentren der Region. Neue archäologische Ergebnisse zeichnen nun ein deutlich anderes Bild. Syedra war in hellenistischer und römischer Zeit offenbar eines der bedeutendsten Zentren der Olivenölproduktion im östlichen Mittelmeerraum. Darüber berichtet die Anadolu Agency unter Berufung auf die laufenden Ausgrabungen vor Ort.
Die Forschungen, die im Rahmen des Programms „Heritage for the Future“ des türkischen Kultur- und Tourismusministeriums durchgeführt werden, haben in den vergangenen Jahren erheblich an Tempo gewonnen. Seit Beginn der systematischen Grabungen im Jahr 2019 untersucht ein Team der Alanya Alaaddin Keykubat University die baulichen Strukturen der rund 3.000 Jahre alten Stadt. Das Ergebnis ist überraschend eindeutig: Bislang wurden fast 20 vollständig erhaltene Werkstätten zur Olivenölproduktion freigelegt, während stadtweit über 100 weitere Produktionsanlagen identifiziert werden konnten.
Für Grabungsleiter Ertuğ Ergürer ist damit klar, dass es sich nicht um eine lokale oder ergänzende Tätigkeit handelte, sondern um industrielle Produktion im antiken Maßstab. Gegenüber Anadolu Agency betonte er, dass nahezu jedes untersuchte Gebäude über eine darunterliegende Produktionsanlage verfüge. Besonders auffällig sei dabei die Lage der Werkstätten. Anders als in vielen antiken Städten, wo industrielle Tätigkeiten meist außerhalb der Mauern angesiedelt waren, befanden sich die Olivenölpressen in Syedra direkt unter Wohn- und Repräsentationsbauten. Diese ungewöhnliche Durchdringung von Stadtleben und Produktion verweist auf eine Wirtschaft, die vollständig auf Olivenöl ausgerichtet war.
Archäologisch belegt wird dies nicht nur durch Pressanlagen, sondern auch durch große Vorratsgefäße, sogenannte pithoi, in denen das Öl gelagert wurde. Die schiere Menge dieser Behälter spricht gegen eine rein lokale Versorgung. Stattdessen gehen die Forschenden davon aus, dass Syedra Olivenöl in großem Umfang exportierte, vermutlich in andere Regionen des Mittelmeerraums, darunter Nordafrika und die Levante. Die Stadt wäre damit nicht nur Produzentin, sondern ein wichtiger Knotenpunkt im antiken Handelsnetz gewesen.
Für Besucherinnen und Besucher ist diese Wirtschaftslandschaft heute besonders anschaulich. An der Ausgrabungsstätte werden antike Produktionsabläufe demonstriert: Oliven werden zerkleinert, mit hölzernen Hebelpressen ausgepresst und anschließend in kleinere Gefäße sowie große pithoi umgefüllt. So lässt sich nachvollziehen, wie technisch ausgefeilt und arbeitsteilig die Olivenölherstellung bereits in hellenistischer und römischer Zeit war.
Der Befund fügt sich in ein größeres historisches Bild ein. Die Kultivierung der Olive im östlichen Mittelmeerraum reicht bis etwa 6000 v. Chr. zurück und verbreitete sich spätestens in der Bronzezeit über weite Teile des Mittelmeerbeckens. Küstenregionen der heutigen Türkei gehörten über Jahrtausende zu den wichtigsten Produktionszonen. Syedra zeigt nun exemplarisch, wie sehr einzelne Städte ihre gesamte urbane Struktur auf dieses „flüssige Gold“ ausrichten konnten.
Die aktuellen Grabungen korrigieren damit ältere Annahmen zur wirtschaftlichen Bedeutung der Stadt. Statt einer peripheren Siedlung tritt Syedra als hochspezialisierte Produktionsmetropole hervor, deren Olivenöl weit über die Region hinaus gefragt war. Die Ergebnisse unterstreichen zugleich, wie eng Alltag, Stadtplanung und Fernhandel in der Antike miteinander verflochten waren und wie viel von dieser Wirtschaftsrealität noch immer unter der Oberfläche antiker Städte verborgen liegt.

