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Elefantenknochen in Andalusien: Erster greifbarer Hinweis auf Hannibals Kriegselefanten?

Ein kleiner, unscheinbarer Fußwurzelknochen, genauer ein Karpalknochen, könnte zu den spektakulärsten Einzelfunden der jüngeren Iberien-Archäologie zählen. Bei Ausgrabungen auf der „Colina de los Quemados“ nahe Córdoba wurde das Fragment in einer Schicht entdeckt, die radiokarbondatiert auf rund 2.250 Jahre vor heute wird. Damit fällt es in die Zeit des Zweiten Punischen Krieges (218–201 v. Chr.) – jene Epoche, in der der karthagische Feldherr Hannibal Barkas seine berühmte Offensive gegen Rom begann.

Der Fundort ist kein gewöhnlicher Siedlungsplatz. Es handelt sich um ein befestigtes iberisches Dorf, das in einer strategisch günstigen Flussschleife lag. Solche stark befestigten Anlagen wurden von den Römern später als oppida bezeichnet, Siedlungen, wie sie vor allem in keltisch geprägten Regionen verbreitet waren. Anders als viele klassische Höhenburgen befand sich dieses Oppidum nicht auf einem Berg, sondern nutzte die natürliche Verteidigungsposition eines Flussbogens.

Nach Einschätzung der Forschenden spricht vieles dafür, dass sich hier während des Zweiten Punischen Krieges eine militärische Auseinandersetzung ereignete. In unmittelbarer Nähe des Knochenfundes wurden zwölf kugelförmige Steine entdeckt, die als Munition karthagischer Katapulte gedeutet werden. Zusammen mit weiteren militärischen Artefakten ergibt sich das Bild eines Gefechts, an dem eine in der Region stationierte karthagische Armee beteiligt gewesen sein könnte. Der Elefant wäre demnach im Kampf gefallen.

Dass überhaupt ein Knochen erhalten blieb, ist bemerkenswert. Der Großteil des Skeletts dürfte im Laufe der Jahrhunderte vergangen sein. Der gefundene Karpalknochen war offenbar durch eine eingestürzte Mauer geschützt worden. Die Forschenden schließen jedoch nicht aus, dass das Stück ursprünglich als Souvenir aufbewahrt wurde, seine geringe Größe hätte einen Transport problemlos ermöglicht.

Fotocredit: Agustín López and Rafael Martínez

Ob es sich bei dem Tier um einen Asiatischen Elefanten (Elephas maximus indicus) oder um eine inzwischen ausgestorbene nordafrikanische Elefantenart handelt, lässt sich derzeit nicht klären. Bekannt ist, dass die Karthager bevorzugt afrikanische Elefanten für ihre Kriegseinsätze nutzten, während der griechische König Pyrrhos von Epirus etwa ein Jahrzehnt vor dem Ersten Punischen Krieg asiatische Elefanten gegen Rom eingesetzt hatte. Ohne weitergehende genetische Analysen bleibt die genaue Artbestimmung jedoch unsicher.

Karthago selbst, ursprünglich eine phönizische Gründung im heutigen Tunesien, war im 3. Jahrhundert v. Chr. eine der dominierenden Mächte im westlichen Mittelmeer. Während seine Flotte gefürchtet war, galten die Kriegselefanten als Symbol militärischer Stärke und psychologischer Überlegenheit. In den ersten beiden Punischen Kriegen setzte Karthago diese Tiere systematisch gegen die Römische Republik ein, nicht zuletzt im Rahmen von Hannibals legendärem Feldzug.

Im Jahr 218 v. Chr. führte Hannibal seine Armee von der Iberischen Halbinsel über Südgallien bis nach Italien. Die Überquerung der Alpen mit 37 Elefanten ging in die Geschichte ein, auch wenn die meisten Tiere die Strapazen nicht überlebten. Hannibals Truppen errangen dennoch mehrere spektakuläre Siege gegen Rom, ehe er 203 v. Chr. nach Karthago zurückgerufen wurde. Der Zweite Punische Krieg endete schließlich mit einer Niederlage Karthagos, wie bereits der Erste, und später auch der Dritte Punische Krieg.

Die Forschenden betonen, dass der bei Córdoba entdeckte Knochen kaum zu jenen „legendären Exemplaren“ gehört haben dürfte, die mit Hannibal die Alpen überquerten. Dennoch stellt er einen seltenen physischen Beleg für die Präsenz von Kriegselefanten auf der Iberischen Halbinsel dar. Damit wird eine der eindrucksvollsten militärischen Innovationen der Antike archäologisch greifbar.

Der kleine Knochen ist somit mehr als nur ein zoologisches Fragment. Er steht für die Passage jener gewaltigen „Panzer der Antike“ durch Spanien und für einen globalen Machtkampf um die Vorherrschaft im Mittelmeerraum, dessen Spuren noch heute im Boden verborgen liegen.

Andreas Zommer
Andreas Zommerhttps://www.antike.at
Andreas Zommer ist studierter Historiker, Politikwissenschaftler und Publizist.

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