Archäologische Entdeckungen im heutigen Nordirak und in Georgien zeichnen ein bemerkenswert differenziertes Bild der religiösen Landschaft Vorderasiens und des Kaukasus in der Spätantike. Neue Studien legen nahe, dass Anhänger des frühen Christentums und des Zoroastrismus vielerorts nicht nur nebeneinander existierten, sondern dies offenbar weitgehend konfliktfrei taten. Die Funde widersprechen damit gängigen Vorstellungen von einer grundsätzlich von religiösen Spannungen geprägten Epoche.
Im Mittelpunkt der Untersuchungen im Nordirak steht der Fundplatz Gird-î Kazhaw in der Autonomen Region Kurdistan. Dort untersuchte ein Team um Alexander Tamm (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) und Dirk Wicke (Goethe-Universität Frankfurt) einen bereits 2015 entdeckten Gebäudekomplex. Neue Grabungen und Analysen zeigten nun, dass es sich dabei um eine christliche Klosteranlage handelte, die um das Jahr 500 n. Chr. errichtet wurde. Für die Region ist dies ein außergewöhnlicher Befund, denn es handelt sich um den bislang ersten archäologisch nachgewiesenen christlichen Sakralbau an diesem Ort.
Die Identifikation als Kloster stützt sich auf mehrere Befunde. Unter den Trümmern fanden sich steinerne Säulen sowie Architekturfragmente, die eindeutig auf eine Kirche hinweisen. Besonders aussagekräftig sind zudem Bruchstücke eines großen Kruges, der mit einem frühen christlichen Kreuz verziert war, ein Symbol, das erst nach der Legalisierung des Christentums im Römischen Reich im 4. Jahrhundert häufiger verwendet wurde. All dies belegt eine fest etablierte christliche Gemeinschaft in einer Region, die politisch und kulturell stark vom Sassanidenreich geprägt war.

Das eigentlich Überraschende ist jedoch die unmittelbare Nachbarschaft dieser Klosteranlage. Nur wenige Meter entfernt liegen die Reste einer sasanidischen Befestigung, in der nachweislich zoroastrische Rituale praktiziert wurden. Die räumliche Nähe von christlichem Kloster und zoroastrischem Militär- oder Verwaltungsbau legt nahe, dass beide Gemeinschaften hier zeitgleich existierten – ohne Anzeichen gewaltsamer Konflikte. Die Forschenden werten dies als starkes Indiz für ein pragmatisches, im Alltag offenbar funktionierendes Miteinander zweier unterschiedlicher Religionsgemeinschaften.
Dieser Befund fügt sich in einen größeren historischen Kontext. Seit dem 4. Jahrhundert breitete sich das Christentum zunehmend auch außerhalb der Grenzen des Römischen Reiches aus, darunter im Einflussbereich der persischen Großreiche. Zwar standen Rom beziehungsweise Byzanz und Persien politisch häufig in Konkurrenz, doch religiöse Entwicklungen folgten nicht immer diesen Frontlinien. Kirchenbauten aus dem 5. und 6. Jahrhundert sind auch aus Nordmesopotamien und Nordsyrien bekannt, was die frühe Datierung von Gird-î Kazhaw in einen regionalen Trend einordnet.
Ein zweiter, zeitlich etwas älterer Befund aus Georgien unterstreicht diese Beobachtungen aus anderer Perspektive. Am Fundplatz Dedoplis Gora, rund 600 Kilometer nördlich von Gird-î Kazhaw, untersuchten Archäologen ein etwa 2.000 Jahre altes Heiligtum innerhalb eines monumentalen Palastkomplexes. Die Anlage lag im Herrschaftsgebiet des antiken Königreichs Kartli, das politisch eigenständig war, kulturell jedoch stark unter achaimenidisch-persischem Einfluss stand.
Eine Studie von David Gagoshidze (University of Georgia), erschienen 2026 im American Journal of Archaeology, zeigt, dass in Dedoplis Gora mehrere religiöse Traditionen parallel praktiziert wurden. In einem der untersuchten Räume fanden täglich zoroastrische Rituale an einem Feueraltar statt. Ein zweiter Raum weist anhand von Statuetten eindeutig auf den Kult des griechischen Gottes Apollon hin, der offenbar von der lokalen Elite gepflegt wurde. In einem dritten Bereich schließlich lassen sich synkretistische Rituale nachweisen, die lokale Fruchtbarkeits- und Agrargottheiten mit überregionalen religiösen Vorstellungen verbanden. Dedoplis Gora macht damit deutlich, dass religiöse Vielfalt nicht nur geduldet, sondern aktiv in das zeremonielle Leben einer Herrscherresidenz integriert wurde. Zoroastrische, griechische und lokale Kulte existierten nicht isoliert, sondern innerhalb eines gemeinsamen architektonischen und rituellen Rahmens.
Beide Fundorte werfen damit ein neues Licht auf die Geschichte des Zoroastrismus. Als Staatsreligion der achaimenidischen, parthischen und sasanidischen Reiche prägte er über mehr als ein Jahrtausend große Teile West- und Zentralasiens. Zwar kam es insbesondere in der Spätphase des Sasanidenreiches zeitweise zu Verfolgungen anderer Glaubensrichtungen, doch die neuen archäologischen Befunde zeigen, dass religiöse Koexistenz vielerorts gelebte Realität war. Die Ergebnisse aus Nordirak und Georgien erinnern daran, dass religiöse Identität in der Antike selten monolithisch war. Statt klarer Trennlinien zeigen sich lokale Aushandlungsprozesse, pragmatische Nachbarschaften und kulturelle Durchmischung. Gerade in Grenzregionen und Kontaktzonen entstanden so Formen des Zusammenlebens, die moderner wirken, als man es für die Spätantike oft annimmt.
